Fragen und Antworten zu Adipositas, Bauchfett, Corona

Wann spricht man von Übergewicht, wann von starkem Übergewicht bzw. Adipositas?
Starkes Übergewicht, Adipositas, ist definiert als eine über das Normalmaß hinausgehende Vermehrung des Körperfetts. Übergewicht und Adipositas werden anhand des Body Mass Index (BMI) berechnet. Dazu wird das Körpergewicht ins Verhältnis zur Körpergröße gesetzt. Von Übergewicht spricht man ab einem BMI von 25, von Adipositas bzw. starkem Übergewicht ab einem BMI von 30. Bei Kindern und Jugendlichen spielen auch das Alter und das Geschlecht in die Berechnung hinein.[1]

Wann spricht man von einer bauchbetonten Adipositas?
Bei einer bauchbetonten Fettverteilung („Apfeltyp“) ist das Risiko für Stoffwechselerkrankungen höher als bei Fettpolstern an Gesäß und Beinen („Birnentyp“). Ab einem Bauchumfang von 80 Zentimetern bei Frauen und von 94 Zentimetern bei Männern gilt das Risiko für Folgekrankheiten wie Herzkrankheiten, Schlaganfälle und Typ-2-Diabetes als erhöht. Ab einem Bauchumfang von 88 Zentimetern bei Frauen und 102 Zentimetern bei Männern beginnt die sogenannte bauchbetonte Adipositas, die das Risiko für die genannten Folgekrankheiten deutlich erhöht.[2]

Wie viele Menschen in Deutschland sind von Adipositas betroffen?
Adipositas hat sich weltweit seit 1975 fast verdreifacht und längst das Ausmaß einer Volkskrankheit angenommen.[3] Die OECD und WHO sprechen seit Jahren von einer weltweiten Epidemie.[4],[5] In Deutschland gilt jeder vierte Erwachsene beziehungsweise etwa 23 Prozent der Männer und 24 Prozent der Frauen als stark übergewichtig[6] – umgerechnet etwa 16 Millionen Menschen. Bei den Kindern und Jugendlichen gelten 15 Prozent als übergewichtig und sechs Prozent als adipös.[7] Die bauchbetonte Adipositas ist noch weiter verbreitet: Jeder Dritte Erwachsene beziehungsweise 31 Prozent der Männer und 37 Prozent der Frauen sind betroffen.[8] Hinzu kommt, dass diese Daten mittlerweile überholt sein dürften. Erste Studien weisen auf deutliche Gewichtszunahmen seit Beginn der Corona-Pandemie hin.[9],[10]

Warum ist Bauchfett besonders gefährlich?
Das viszerale Fett, das im Bauchraum sitzt, ist wie ein eigenes Organ zu betrachten. Es kein passiver Energiespeicher, sondern stoffwechselaktiv. Es produziert Hormone und Substanzen, die Entzündungen fördern und das Immunsystem schwächen. So entsteht eine chronische Entzündung, mit der der Körper dauerhaft zu kämpfen hat. Zudem wird die Insulinresistenz erhöht und Bluthochdruck begünstigt. In Summe erhöht das innere Bauchfett das Risiko für Herzkrankheiten, Typ-2-Diabetes und vorzeitigen Tod.[11]

Inwiefern erhöht Adipositas das Risiko für einen schweren Verlauf bei Covid19?
Starkes Übergewicht ist einer der wichtigsten Risikofaktoren für einen schweren Covid19-Verlauf. Das Hospitalisierungsrisiko ist bei Erwachsenen mit Adipositas etwa zweifach erhöht. Auch das Sterberisiko steigt mit einem höheren BMI deutlich an. Das kann dadurch erklärt werden, dass das Immunsystem durch die chronischen Entzündungsprozesse geschwächt ist. Zudem ist die Lunge bei Menschen mit Adipositas schlechter belüftet, weil die Lunge beim Einatmen weniger Platz zum Ausdehnen hat. Dadurch haben vor allem Menschen, die viel Bauchfett haben, schlechtere Startbedingungen für den kräftezehrenden Kampf mit dem Coronavirus.[12],[13],[14]

Corona und Gewichtszunahme: Welche Hinweise gibt es bereits?
Bislang liegen wenige belastbare Daten vor. Doch erste Befragungen und Studien zeigen ein alarmierendes Bild. Eine repräsentative Umfrage im Auftrag der TU München ergab: 39 Prozent der Erwachsenen haben in den ersten Monaten der Pandemie zugenommen – im Schnitt lag die Gewichtszunahme dieser Gruppe bei 5,5 Kilogramm.[15] Auch das Robert Koch-Institut hat im Rahmen einer Befragung einen „deutlichen Anstieg“ des BMI in den ersten Monaten der Pandemie festgestellt.[16] Bei Kindern gibt es erste gemessene Daten: Eine Studie der Universität Leipzig auf Basis gemessener Daten von Kindern in der Region Mitteldeutschland zeigt: In den ersten Monaten der Corona-Pandemie ist das Körpergewicht 30 Mal so schnell gestiegen wie in den Jahren zuvor.[17] Auch der Anteil der Kinder mit Übergewicht bei Schuleingangsuntersuchungen in der Region Hannover ist deutlich gestiegen.[18]

Was sind die Folgen von Adipositas?
Menschen mit Adipositas haben eine niedrigere Lebenserwartung und ein erhöhtes Risiko für Folgeerkrankungen.[19],[20] Beispielsweise ist das Risiko für die Entstehung von Typ-2-Diabetes oder eine Fettleber mehr als dreifach, und das Risiko für die Entstehung von Bluthochdruck oder koronare Herzkrankheiten zwei- bis dreifach erhöht. Auch mehrere Krebserkrankungen, Rückenschmerzen sowie Hüftgelenksarthrose werden durch starkes Übergewicht begünstigt.[21] Adipositas ist daher keinesfalls nur ein Ausdruck unterschiedlicher biologischer Körperformen, sondern ein medizinisches Problem.

Was sind die Ursachen von Adipositas?
Im Prinzip bekommt der Körper zu viel Energie von Lebensmitteln und verbraucht zu wenig in Form von Bewegung. Dadurch entsteht ein Überschuss, der als Fett in den Fettzellen gespeichert wird. Unser Organismus ist darauf ausgelegt, Reserven aufzubauen. Das war bislang immer ein Überlebensvorteil. Heute trifft dieses Verlangen auf Lebensbedingungen, die dazu nicht mehr passen. Sitzende Tätigkeiten sind für viele Menschen Alltag und hochkalorische Lebensmittel sind ständig und überall verfügbar. Es ist daher nicht – wie oft angenommen – die Willensschwäche der Betroffenen, die die starke Gewichtszunahme erklärt. Die starke Zunahme von Adipositas in weiten Teilen der Welt wird vor allem auf veränderte Lebensverhältnisse zurückgeführt (“obesogenic environment“).[22]

Welche Maßnahmen zur Prävention wären sinnvoll?
Die Präventionspolitik muss in den Lebenswelten ansetzen und diese gesundheitsförderlicher gestalten. So erreichen wir alle in der Bevölkerung, ungeachtet des Einkommens und des sozioökonomischen Status. Eine verständliche Lebensmittelkennzeichnung in Ampelfarben muss Pflicht werden, für gesundes Essen in Kita und Schule brauchen wir verbindliche Qualitätsstandards, Werbeverbote für ungesunde Lebensmittel sollten Kinder vor schädlichen Einflüssen schützen und eine Mehrwertsteuer-Reform sollte z.B. Gemüse und Obst günstiger und Zuckergetränke teurer machen. Auch die Bewegung muss gezielt gefördert werden, z.B. indem eine Stunde Sport und Bewegung pro Tag zum Standard in Schule und Kita werden sowie durch eine konsequente Verkehrspolitik, die Rad- und Fußverkehr fördert.[23]

Wie hoch sind die Kosten, die durch Adipositas entstehen?
Die Kosten für die Gesellschaft, die zusätzlich zum individuellen Leid der Betroffenen entstehen, können nur näherungsweise berechnet werden. Zum einen gibt es direkte Kosten für das Gesundheitssystem, für die Behandlung der Krankheit und von Folgekrankheiten. Zum anderen gibt es auch indirekte Kosten beispielsweise durch Produktivitätsausfälle. Laut Berechnungen der Universität Hamburg belaufen sich die gesamtgesellschaftlichen Kosten der Adipositas – also aller direkten und indirekten Kosten zusammengenommen – auf mehr als 60 Milliarden Euro pro Jahr.[24]

Warum fällt Abnehmen vielen so schwer?
Dauerhaft Abnehmen ist für viele Betroffene, vor allem bei hochgradiger Adipositas, ohne professionelle Hilfe fast unmöglich. Der Körper tendiert immer zurück zum Ausgangsgewicht. Es kommt zum berühmten Jojo-Effekt. Das hat evolutionsbiologische Gründe. Wenn der Körper eine starke Gewichtsabnahme registriert, werden Überlebensmechanismen aktiviert und ein verstärktes Hungergefühl tritt ein. Denn eine starke Gewichtsabnahme war bisher in der Geschichte der Menschheit eine lebensbedrohliche Situation. Ohne professionelle Hilfe gelingt es nur den Allerwenigsten, dagegen anzukämpfen.[25],[26],[27],[28],[29]

Wie wird Adipositas behandelt?
Wir haben heute ein breites Spektrum an therapeutischen Möglichkeiten, um Adipositas zu behandeln, das Risiko für Folgeerkrankungen mindern und die Lebensqualität zu steigern.[30] Da die Adipositas-Therapie derzeit keine Regelleistung unseres Gesundheitssystems darstellt, ist die Kostenübernahme in der Regel individuell zu beantragen, was eine Behandlung oftmals erschwert. Das gilt sowohl für die Basistherapie – bestehend aus Verhaltens- Ernährungs- und Bewegungstherapie – aber auch für die medikamentöse und chirurgische Therapie unter Einhaltung der entsprechenden Indikationen. Mit Verabschiedung des Gesundheitsversorgungsweiterentwicklungsgesetzes wurde der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) beauftragt, bis Ende Juli 2023 ein sogenanntes strukturiertes Versorgungsprogramm für Adipositas zu entwickeln („DMP Adipositas“). Damit rückt die leitliniengerechte Behandlung von Adipositas erstmalig in greifbare Nähe.[31]

Stand: März 2022

Quellen

[1] Vgl. https://adipositas-gesellschaft.de/ueber-adipositas/definition-von-adipositas/
[2] World Health Organization (2011) Waist Circumference and waist- hip ratio: report of a WHO expert consultation, Geneva, 8-11 December 2008.
[3] https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/obesity-and-overweight
[4] https://www.oecd.org/health/health-systems/Obesity-Update-2017.pdf
[5] https://www.who.int/health-topics/obesity#tab=tab_1
[6] Mensink, G. B. M., Schienkiewitz, A., Haftenberger, M., Lampert, T., Ziese, T., & Scheidt-Nave, C. (2013). Übergewicht und Adipositas in Deutschland: Ergebnisse der Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS1). Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz, 56(5–6), 786–794. https://doi.org/10.1007/s00103-012-1656-3
[7] Schienkiewitz A, Brettschneider AK, Damerow S, Schaffrath Rosario A (2018) Übergewicht und Adipositas im Kindes- und Jugendalter in Deutschland – Querschnittergebnisse aus KiGGS Welle 2 und Trends. Journal of Health Monitoring 3(1):16–23.
[8] Schienkiewitz A., Haftenberger M., Scheidt-Nave C., Mensink G.B.M., Robert Koch-Institut, Berlin (2014). Zentrale Adipositas (Taillenumfang ≥ 102/88 cm) in Deutschland: aktuelle Ergebnisse aus dem nationalen Untersuchungssurvey für Erwachsene in Deutschland (DEGS1). Poster-Präsentation auf der Adipositas Jahrestagung 2014 in Leipzig.
[9] Vogel, M., Geserick, M., Gausche, R. et al. Age- and weight group-specific weight gain patterns in children and adolescents during the 15 years before and during the COVID-19 pandemic. Int J Obes 46, 144–152 (2022).
[10] Damerow S, Rommel A, Prütz F, Beyer AK, Hapke U et al. (2020) Die gesundheitliche Lage in Deutschland in der Anfangsphase der COVID-19-Pandemie. Zeitliche Entwicklung ausgewählter Indikatoren der Studie GEDA 2019/2020-EHIS. Journal of Health Monitoring 5(4): 3–22. DOI 10.25646/7171.2
[11] World Health Organization (2011) Waist Circumference and waist- hip ratio: report of a WHO expert consultation, Geneva, 8-11 December 2008.
[12] Garg S, Kim L, Whitaker M, et al. Hospitalization Rates and Characteristics of Patients Hospitalized with Laboratory-Confirmed Coronavirus Disease 2019 — COVID-NET, 14 States, March 1–30, 2020. MMWR Morb Mortal Wkly Rep 2020;69:458–464.
[13] Martina Recalde, Andrea Pistillo, Sergio Fernandez-Bertolin, Elena Roel, Maria Aragon, Heinz Freisling, Daniel Prieto-Alhambra, Edward Burn, Talita Duarte-Salles, Body Mass Index and Risk of COVID-19 Diagnosis, Hospitalization, and Death: A Cohort Study of 2 524 926 Catalans, The Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism, 2021;, dgab546.
[14] Koppe, U., Wilking, H., Harder, T. et al. COVID-19-Patientinnen und -Patienten in Deutschland: Expositionsrisiken und assoziierte Faktoren für Hospitalisierungen und schwere Krankheitsverläufe. Bundesgesundheitsbl 64, 1107–1115 (2021).
[15] Forsa-Befragung im Auftrag des Else Kröner Fresenius Zentrum für Ernährungsmedizin (EKFZ) an der Technische Universität München (2021). https://www.tum.de/die-tum/aktuelles/pressemitteilungen/details/36713/ 
[16] Damerow S, Rommel A, Prütz F, Beyer AK, Hapke U et al. (2020) Die gesundheitliche Lage in Deutschland in der Anfangsphase der COVID-19-Pandemie. Zeitliche Entwicklung ausgewählter Indikatoren der Studie GEDA 2019/2020-EHIS. Journal of Health Monitoring 5(4): 3–22.
[17] Vogel, M., Geserick, M., Gausche, R. et al. Age- and weight group-specific weight gain patterns in children and adolescents during the 15 years before and during the COVID-19 pandemic. Int J Obes 46, 144–152 (2022).
[18] Bantel S., Buitkamp M., Wünsch A. Kindergesundheit in der COVID19-Pandemie: Ergebnisse aus den Schuleingangsuntersuchungen und einer Elternbefragung in der Region Hannover. Bundesgesundheitsbl 2021:
[19] WHO, Obesity: preventing and managing the global epidemic. Report of a WHO consultation. World Health Organ Tech Rep Ser. 2000;894:i-xii, 1-253. PMID: 11234459
[20] Di Angelantonio E, Bhupathiraju ShN, Wormser D, et al. Body-mass index and all-cause mortality: individual-participant-data meta-analysis of 239 prospective studies in four continents. Lancet. 2016 Aug 20;388(10046):776-86. doi: 10.1016/S0140-6736(16)30175-1. Epub 2016 Jul 13. PMID: 27423262; PMCID: PMC4995441.
[21] Übersicht unter https://adipositas-gesellschaft.de/ueber-adipositas/folge-und-begleiterkrankungen/
[22] WHO, Obesity: preventing and managing the global epidemic. Report of a WHO consultation. World Health Organ Tech Rep Ser. 2000;894:i-xii, 1-253. PMID: 11234459
[23] Vgl. auch DANK (2021). Broschüre „Politisch handeln – Leben retten“. Die DAG ist Mitglied von DANK. Abrufbar unter: https://www.dank-allianz.de/dokumente.html
[24] Effertz T (2015) Die volkswirtschaftlichen Kosten gefährlichen Konsums. Eine theoretische und empirische Analyse für Deutschland am Beispiel Alkohol, Tabak und Adipositas. Peter Lang, Frankfurt am Main
[25] Sumithran, P., Prendergast, LA, Delbridge, E, Purcell, K, Shulkes, A, Kriketos, A, Proietto, J.N Engl J Med. (2011) Long-term persistence of hormonal adaptations to weight loss. Oct 27;365(17):1597-604.
[26] Pasman, WJ. (1999) Predictors of weight maintenance. Obes Res. 1999 Jan;7(1):43-50.
[27] Schwartz, A. (2010) Relative changes in resting energy expenditure during weight loss: a systematic review. Obes Rev. 2010 Jul;11(7):531-47.
[28] Dulloo, A. (2021) Physiology of weight regain: Lessons from the classic Minnesota Starvation Experiment on human body composition regulation.Obes Rev. 2021 Mar;22 Suppl 2:e13189.
[29] Martins C, Dutton GR, Hunter GR, Gower BA. Revisiting the Compensatory Theory as an explanatory model for relapse in obesity management. Am J Clin Nutr. 2020 Nov 11;112(5):1170-1179.
[30] Deutsche Adipositas-Gesellschaft (DAG) e.V. Interdisziplinäre Leitlinie der Qualität S3 zur „Prävention und Therapie der Adipositas“ 2014 (zurzeit überarbeitet), abrufbar unter: https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/050-001.html
[31] Vgl. Pressemeldung der Deutschen Adipositas-Gesellschaft (DAG) vom 10. November 2020. Abrufbar unter: https://adipositas-gesellschaft.de/g-ba-mit-dmp-adipositas-beauftragt/

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