DAG zu ersten Monitoringergebnissen der Nationalen Reduktionsstrategie

Reduktion von Zucker, Fett und Salz in Fertigprodukten: Unverbindlich, zu langsam, zu wenig

München, den 02. April 2020 Die gestern von Ernährungsminsterin Julia Klöckner in Berlin vorgestellten Monitoring-Zwischenergebnisse des staatlichen Max-Rubner-Instituts zur Umsetzung der Zielvereinbarungen für weniger Zucker, Fett und Salz in Fertiglebensmitteln im Rahmen der nationalen Reduktionsstrategie (1) zeigen bescheidene erste Erfolge: „Eine gewisse Bewegung auf Herstellerseite ist erkennbar, die Ergebnisse fallen aber sehr heterogen aus und können insgesamt nur als ein erster zaghafter Beginn angesehen werden“, so der Kommentar von Professorin Dr. med. Martina de Zwaan, Präsidentin der Deutschen Adipositas-Gesellschaft (DAG). Die Hauptkritikpunkte der DAG an der Reduktionsstrategie bleiben bestehen: Singuläre Maßnahmen, wenige, unverbindliche Zielvereinbarungen über zu lange Zeiträume, Einbezug zu weniger Produktguppen, fehlende Sanktionierung bei „Underperformance“.

Der aktuelle Monitoring-Zwischenbericht des Max-Rubner-Instituts (1) berücksichtigt in seiner Nachfolgeerhebung von September bis Dezember 2019 nur rund ein Drittel (4737 Fertigprodukte = 38%) der Produkte, die 2016 in einer Basiserhebung von 12500 Fertigprodukten erfasst worden waren; die berücksichtigte Produktpalette ist damit noch vergleichsweise klein.

Zum einen zeigen die besten Reduktionserfolge innerhalb eines Jahres von z.B. -18 % Zucker und -10 % Energiegehalt bei Quarkzubereitungen für Kinder bzw. -17 % weniger Zucker in Knusper-Schoko-Cerealien für Kinder bzw. -35 % Zucker in Erfrischungsgestränken für Kinder, dass die Zielvereinbarungen von -15 bzw. -20 % bzw. -15 % Reduktion in sieben Jahren bis 2025 deutlich unterhalb des Machbaren liegen.
Zum anderen sind die absoluten Zuckergehalte in Gramm pro 100 g nach wie vor viel zu hoch, das Max-Rubner-Institut bezeichnet die absoluten Reduktionsergebnisse zusammenfassend als „gering“ (1). So liegen Joghurts mit Kinderoptik mit einem medianen Zuckergehalt von 14 g pro 100 Gramm noch immer über den Zuckergehalten anderer Joghurts (1).

Die ebenfalls gestern veröffentlichte AOK-Cerealienstudie (2) zeigt, dass auch Kindercerealien nach wie vor Zuckerbomben sind: der durchschnittliche Zuckergehalt liegt bei 27 Gramm je 100 g und damit fast doppelt so hoch wie von der WHO empfohlen (15 g/100 g) – mit Spitzenwerten bis zu 43 Gramm je 100 g. „Die Reduktion erfolgt zu langsam, die Zielvereinbarungen sind zu lasch“, folgert DAG-Präsidentin de Zwaan.

Zweimal führt der Bericht an, Verbraucher kauften bevorzugt die zuckerreichen Varianten (Eistees und Frühstückscerealien). „Ein solches Ergebnis kann die vereinbarte Reduktionsstrategie im Schneckentempo nicht rechtfertigen, sondern muss als Hinweis verstanden werden, dass Verbraucher bessere Kaufanreize benötigen,“ erläutert de Zwaan. „Diese wären gegeben z.B. durch eine verpflichtende Ausweisung des NutriScore vorne auf den Verpackungen, durch preisliche Signale, z.B. eine „gesunde Mehrwertsteuer“, die zuckerärmere Varianten verbilligt und zuckerreichere Varianten verteuert und durch ein Werbeverbot für Produkte mit Kinderoptik“, schlägt die Adipositasexpertin vor und verweist auf die AOK-Cerealienstudie (2), nach der zuckerreiche Frühstückscerealien mehr von Familien mit Kindern und Käufern niedriger sozioökonomischer Schichten nachgefragt werden.

Im Hinblick auf die Salzreduktion liegen in dem einzigen, bisher betrachteten Produktsegment Fertigpizzen noch keine statistisch, geschweige denn präventimedizinisch relevanten Ergebnisse vor. Insgesamt muss die Frage gestellt werden, wann sich die Hersteller bewegen wollen und was ihre Motivation steigern könnte. Bislang noch gar keine Zielvereinbarungen wurden in Bezug auf die Reduktion gesättigter Fette vereinbart. Die DAG bemängelt hier seit langem fehlende Sanktionierung bei „Underperformance“.

Hintergrund

Die im Dezember 2018 durch die Koalition beschlossene Nationale Reduktions- und Innovationsstrategie hat zum Ziel, „eine gesunde Lebensweise zu fördern, den Anteil der Übergewichtigen und Adipösen in der Bevölkerung, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen, zu senken und die Häufigkeit von Krankheiten zu verringern, die durch Ernährung mitbedingt werden.“ Von Beginn an hat die DAG die Strategieentwicklung der Nationalen Reduktionsstrategie an den Runden kritisch begleitet und wiederholt auf die dramatische Unterschätzung des Adipositasproblems seitens der Politik und auf die Unangemessenheit einer unverbindlichen Reduktionsstrategie zur Lösung dieses komplexen Problems hingewiesen. Die DAG fordert seit langem einen gesellschaftlich breit verankerten und ressortübergreifenden, nationalen Adipositasplan.

Quellen:

  1. Max-Rubner-Institut: Produktmonitoring 2019:
    https://www.mri.bund.de/fileadmin/MRI/Pressemitteilungen/MRI-Produktmonitoring2019_Zusammenfassung_Kernaussagen.pdf
  2. AOK-Cerealienstudie: https://aok-bv.de/presse/pressemitteilungen/2020/index_23416.html

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