Deutsche Adipositas-Gesellschaft zum Europäischen Adipositas-Tag am 16. Mai 2020

Adipositas ist Risikofaktor für einen schweren COVID-19-Krankheitsverlauf

München, den 14. Mai 2020 Die Deutsche Adipositas-Gesellschaft (DAG) rät Menschen mit schwerem Übergewicht (Adipositas), die empfohlenen Hygieneregeln, Kontaktbeschränkungen und Maßnahmen des Infektionsschutzgesetzes besonders ernst zu nehmen, insbesondere da derzeit wieder eine schrittweise Öffnung des gesellschaftlichen Lebens erfolgt und in manchen Regionen die Infektionszahlen erneut ansteigen. „Die Hinweise verdichten sich, dass das Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf bei Infektion mit dem Corona-Virus mit Adipositas erhöht ist“, sagt Professorin Dr. med. Martina de Zwaan, Präsidentin der Deutschen Adipositas-Gesellschaft. Ein ausführliches DAG-Positionspapier zu Adipositas und COVID-19 mit Empfehlungen für Menschen mit Adipositas, Forderungen an die Politik und Hintergrundinformationen sowie ein weiterführendes Informationsblatt sind auf der DAG-Webseite verfügbar (1, 2). „Die Corona-Krise muss für das vernachlässigte Politikfeld Adipositas ein Weckruf für Gesundheitspolitik und gesundheitlichen Verbraucherschutz sein! Menschen mit Adipositas haben derzeit weder einen Rechtsanspruch auf eine Adipositastherapie, die Krankenhäuser und Intensivstationen sind auf ihre Bedürfnisse kaum zugeschnitten, und die Prävention ist ineffektiv“, so de Zwaan.

Ein schwerer Krankheitsverlauf mit Adipositas bei Infektion mit dem Corona-Virus COVID-19 bedeutet mehr Krankenhauseinweisungen, mehr Zuweisungen auf Intensivstationen, ein höheres Risiko für Lungen- und Organversagen bis hin zu einem tödlichen Ausgang (1).

„Derzeit gibt es jedoch keine Anzeichen ein erhöhtes Ansteckungsrisiko bei Menschen mit Adipositas. Wir halten deshalb spezielle Quarantänemaßnahmen für Menschen mit Adipositas, die über die Regelungen auf der politischen Ebene für die Allgemeinbevölkerung hinausgehen, für nicht erforderlich. Zum einen fehlt für eine weitergehende Begrenzung der Teilnahme am sozialen Leben die medizinische Evidenz, die allgemeine Mortalität im Vergleich zu anderen Ländern (z.B. Frankreich) ist in Deutschland erfreulich niedrig und eine weitergehende Begrenzung der Teilnahme am sozialen Leben kann auch zusätzliche psycho-soziale Härten für Menschen mit Adipositas mit sich bringen (1)“, erläutert de Zwaan.

In Frankreich sind nach Angaben der „Ligue contre l´obesité“ seit dem 1. Mai 2020 Angestellte mit Adipositas ab BMI 30 beruflich teilweise freigestellt (3, 4). Gesundheits-und Arbeitsminis-terium trafen diese Entscheidung trotz Mangel an wissenschaftlichen Daten aufgrund klini-scher Erfahrungswerte, einer Reanimationsrate bei COVID-19-Infizierten mit Adipositas von 83% auf den Intensivstationen (3).

„In Deutschland sind derzeit weder evidenz- noch erfahrungsbasierte, klinische Daten zu Krankheitsverläufen von Menschen mit COVID-19 und Adipositas verfügbar, eine entsprechende Anfrage der DAG an das Robert-Koch-Institut Ende April blieb unbeantwortet“, so de Zwaan. In Frankreich sind bislang 178.349 Infektionsfälle bestätigt – ähnlich viele wie in Deutschland mit 173.171 (5) – diese Zahlen sind von der Testungsintensität abhängig. Frankreich verzeichnet rund 3,5 mal so viele Todesfälle (26.994) wie Deutschland (7.738) (5).

Deutschland gehört zu den Ländern mit einer alternden Bevölkerung, einer hohen Adipositasprävalenz von rund 24 Prozent bei Erwachsenen (6), sozioökonomischer und gesundheitlicher Ungleichheit mit direkter Auswirkung auf die Adipositaszahlen (7, 8), typischen adipogenen Lebensverhältnissen der westlichen Hemisphäre, darunter eine hohe Verfügbarkeit zucker-, salz- und fettreicher Fertigprodukte (9), einer fehlenden Regelversorgung für Adipositas und unzureichenden Präventionsmaßnahmen gegen nichtübertragbare Krankheiten (Übersicht in (1)). Die Pandemie wird so zum Brennglas für bereits vorbestehende Versäumnisse und weist auf dringende zukünftige Erfordernisse.

Die DAG fordert für die Versorgung und den Schutz von Menschen mit Adipositas:

  • Eine Ausstattung für Krankenhäuser und Intensivstationen, die den Bedürfnissen und Erfordernissen von Menschen mit Adipositas – Hochrisikopersonen für einen schweren COVID-19-Verlauf – gerecht wird und eine genauso gute Versorgung sicherstellt wie für Menschen mit Normalgewicht.
  • Infizierte Personen sollten hinsichtlich Alter, Geschlecht, BMI, Grunderkrankungen, kardiometabolischer Risikofaktoren und Krankheitsverläufen systematisch erfasst und die Ergebnisse der Fachöffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden.
  • Die Etablierung einer Regelversorgung für Menschen mit Adipositas. Menschen müssen befähigt werden, ihr Krankheitsrisiko für chronische Folgekrankheiten und akute Virus-Pandemien zu senken.

Die DAG fordert für die Prävention der Adipositas und ihrer Folgekrankheiten:

  • Gesetzliche Regelungen zur Optimierung von Nährwertprofilen bei Fertigprodukten, z.B. verpflichtende Zielkriterien oder eine „gesunde Mehrwertsteuer“
  • Verpflichtende, europaweite Ausweisung des Nutri-Scores auf verpackten Lebensmitteln, um Verbrauchern eine gesunde Lebensmittel-Auswahl zu erleichtern
  • Gesetzliche Werbeeinschränkungen im Kindermarketing für adipogene Produkte

Quellen:

  1. DAG-Positionspapier „Adipositas & COVID-19 – Empfehlungen für Menschen mit Adipositas und Forderungen an die Politik
    https://adipositas-gesellschaft.de/fileadmin/PDF/daten/DAG_Positionspapier_Adipositas_und_Covid-19.pdf
  2. DAG-Informationsblatt „Covid-19 und Adipositas“
    https://adipositas-gesellschaft.de/fileadmin/PDF/daten/DAG_Covid-19_Information.pdf
  3. Coronavirus: le Haut conseil de santé publique estime que l’obésité avec un IMC>30 constitue une forme grave d’infection
    https://www.liguecontrelobesite.org/actualite/coronavirus-le-haut-conseil-de-sante-publique-estime
    -que-lobesite-avec-un-imc30-constitue-une-forme-grave-dinfection/
     (Abfrage 10.05.2020)
  4. Covid-19 et l´obesité: les arrêts de travail des salariés se transforment en chômage partiel
    https://www.liguecontrelobesite.org/actualite/covid-19-et-obesite-les-arrets-de-travail-des-salaries
    -se-transforment-en-chomage-partiel/
     (Abfrage 10.05.2020)
  5. https://coronavirus.jhu.edu/map.html (Stand 13.05.2020, 11.00 Uhr)
  6. Robert-Koch-Institut (2014): Übergewicht und Adipositas. Studie DEGS1, Erhebung 2008-2011
    https://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Themen/Uebergewicht_Adipositas/
    Uebergewicht_Adipositas_node.html
     (Abfrage 11.05.2020)
  7. Robert-Koch-Institut (2017): Gesundheitliche Ungleichheit in verschiedenen Lebensphasen
    https://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Gesundheitsberichterstattung/
    GBEDownloadsB/gesundheitliche_ungleichheit_lebensphasen.html
     (Abfrage 10.05.2020)
  8. Robert-Koch-Institut (2017): Regionale Unterschiede in der Gesundheit – Entwicklung eines sozioökonomischen Deprivationsindex für Deutschland
    https://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Gesundheitsberichterstattung/
    GBEDownloadsJ/ ConceptsMethods/JoHM_2017_02_Entwicklung_Deprivationsindex.pdf;jsessionid= B26E033CC13DE67A15E07BC73087E169.internet092?__blob=publicationFile
     (Abfrage 12.05.2020)
  9. Monteiro, C A, Moubarac J C, Bertazzi Levy R A, Silva Canella, D, Da Costa Louzada M L, Cannon G:
    Household availability of ultra-processed foods and obesity in nineteen European countries
    Public Health Nutr. 2018 Jan;21(1):18-26. doi: 10.1017/S1368980017001379. Epub 2017 Jul

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