Eine Empfehlung der Deutschen Adipositas-Gesellschaft (DAG) zum Welt-Adipositas-Tag

Pressemitteilung der Deutschen Adipositas Allianz (DAA)- Die DAG ist Gründungsmitglied der DAA

„Der Adipositas-Talk: Wie doof ist dick? – Leben mit Adipösen in Deutschland“

„Der Adipositas-Talk: Wie doof ist dick?“

Gehen wir mit Menschen mit Fettleibigkeit in Deutschland verantwortungsvoll um? 

Hamburg, 23. Februar 2021 – Melanie Bahlke ist 180 Kilo schwer (bei einer Größe von 1,72 Meter) und fragt: „Wissen Sie als Normalgewichtler, wie es ist, einen 100-Kilo-Rucksack sieben Treppenstufen hochzuwuchten – jeden Tag? Und beim Arzt nicht als krank angesehen zu werden? Und das Tuscheln fremder Passanten in der Einkaufsmeile schon auswendig zu kennen, ohne vor Scham und Traurigkeit zu weinen?“

Wenn du blind bist oder Krebs hast, lästert keiner – aber wehe, du hast 50 Kilo oder mehr zu viel!

Wie wir in Deutschland mit stark übergewichtigen Menschen umgehen, ist für viele Experten fragwürdig: Fakten werden ignoriert, Lästern toleriert, Anderssein bis hin zum Kranksein negiert. Und das gilt sogar für manche Mediziner.

Und die Betroffenen? Wer mit den Problemen allein ist,

  • gibt oft sich selbst die Schuld,
  • weiß nicht, welche z. B. medizinischen Hilfen es geben könnte,
  • ahnt nichts von der Stärke, die man aus der Selbsthilfebewegung ziehen kann.

Zum Welt-Adipositas-Tag startet die Deutsche Adipositas Allianz (DAA) u. a. den „Adipositas-Talk“ im Internet – eine Talkshow mit der Möglichkeit, sich online einzuschalten. Fakten kommen auf den Tisch, Schicksale outen sich, Missstände werden unter die Lupe genommen.

Die Sendung gibt Betroffenen auch die Möglichkeit, sich als Community noch stärker zusammenzutun und eine kraftvolle Stimme der Adipositas-Community zu entwickeln.

Vier Experten (Medizin, Politik, Medien, Psychologie/Soziologie) und Melanie Bahlke, 180 Kilogramm schwer, diskutieren am 4. März ab 17.30 Uhr verschiedene Aspekte (siehe Vertiefung unten). Sie stehen im letzten Drittel für ein „Phone-in“ von Betroffenen und Interessierten zur Verfügung.

Gemeinsam mit der Universitätsmedizin Mannheim (UMM) und dem Rhein-Neckar-Fernsehen (RNF) strahlt die DAA den Adipositas-Talk aus „Wie doof ist dick? – Gehen wir mit Menschen mit Fettleibigkeit verantwortungsvoll um?“

Sendezeit:

  • live am Welt-Adipositas-Tag, 4. März 2021,
    17.30–18.30 Uhr (plus anschließendem Phone-in)

Anmeldung und Verbreitung:

  • kostenlos registrieren unter www.adipositas-talk.de
  • Live: Youtube-Kanal Universitätsmedizin Mannheim, Donnerstag 4. März 2021, 17.30, https://youtu.be/tnrPKKJSvLg
  • Sendung der Aufzeichnung: Samstag, 6. März 2021 um 20:30 Uhr über das Rhein-Neckar-Fernsehen (RNF) und Wiederholung im Tagesprogramm

Adipositas – Hintergrundinformationen 

Trotz der Erklärung im Deutschen Bundestag „Adipositas ist eine Krankheit“ (und kein Lifestyle-problem), ist eine umfassende Behandlung und Kostenerstattung durch Krankenkassen bei Adipositas eher eine Ausnahme. Das hängt u. a. damit zusammen, dass die Verantwortung den Betroffenen selbst zugeordnet wird mit Hinweis auf deren persönlichen Lebensstil. Es wird immer noch viel zu oft das zugrunde liegende komplexe Zusammenspiel von biologischen, genetischen und psychosozialen Faktoren vernachlässigt. 

Dieses Narrativ ist in einem mangelnden Verständnis von Adipositas als chronischer Krankheit verwurzelt und führt zu unbeabsichtigten Folgen wie Gewichtsvorurteilen, Stigmatisierung sowie gesundheitlichen und sozialen Ungleichheiten. Breite Schichten der Bevölkerung haben keine Vorstellung davon, welches individuelle Leiden damit einhergeht. Ein allgemeiner Bewusstseinswandel steht noch aus. 

Wer sich mit dem Alltag stark adipöser Patienten befasst, dem geht das damit verbundene Schicksal nicht selten unter die Haut. Aspekte wie Schuld, Scham und sinkender Lebensmut sowie für den Normalbürger kaum vorstellbare Schwierigkeiten im Alltag werden anschaulich und greifbar. Menschen mit Adipositas sind in der Öffentlichkeit, im Bildungs- und Gesundheitswesen sowie in der Politik von teils dramatischen Vorurteilen und Diskriminierung betroffen. Dieses verdeutlicht die geplante Talkshow.

Adipositas – die heutige Ausgangslage

  • Bereits 2015 hatten 54 % der Erwachsenen in Deutschland Übergewicht oder Adipositas.[1]
  • Adipositas kostet die Gesellschaft in Deutschland – laut Ökonomen – pro Jahr um die 30 Milliarden Euro, wenn man nur die direkten Kosten betrachtet.[2]
  • Menschen mit Adipositas sterben bis zu 10 Jahre früher.[3]
  • Während Menschen mit anderen chronischen Erkrankungen wie Diabetes mellitus vielfältige Behandlungsmethoden, Experten und Anlaufstellen wie selbstverständlich zur Verfügung stehen, ist dies bei Patienten mit Adipositas nicht oder nur marginal der Fall. Selbst unter Ärzten und anderen Fachgruppen existieren veraltete Vorstellungen über das Wesen der Erkrankung und Therapieoptionen. Die Ursachen dieser Erkrankung werden nicht an den Universitäten gelehrt und sind selbst dem Großteil der Ärzteschaft bisher nicht bekannt.4
  • Die überwiegende Mehrheit der Betroffenen erhält keine leitliniengerechte Therapie – obwohl es diese gibt. Bei anerkannten Krankheiten ist dies unvorstellbar.
  • Nützliche Behandlungsmethoden existieren, werden aber nur in geringem Umfang und einzelfallbezogen erstattet. Ergänzende Arzneimitteltherapien sind völlig ausgeschlossen.
  • Adipositas ist in Deutschland als chronische Erkrankung nicht überall anerkannt, sondern wird nach wie vor dem Lifestylebereich zugeordnet. Gleichzeitig läuft im nachgeordneten Bereich, also bei den Begleit- und Folgeerkrankungen (z. B. Diabetes mellitus, koronare Herzkrankheit, Bluthochdruck), der medizinische Reparaturbetrieb auf Hochtouren und verschlingt Ressourcen in Milliardenhöhe (siehe „Weißbuch Adipositas“5). Es liegt nahe, dass man mit einer Adipositasbehandlung (also auch Anerkennung als Krankheit) insgesamt deutlich effizienter im System handeln würde. Die derzeit entstehenden, vielfach vermeidbaren Kosten bei den Begleit- und Folgeerkrankungen schießen in die Höhe. Qualifizierte Schätzungen hierzu bewegen sich in Milliardenhöhe.[4]
  • Überwiegend wird die chronische Erkrankung Adipositas auch allgemein-gesellschaftlich und nicht nur im engeren Sinne gesundheitspolitisch der Schublade „Lifestylephänomen“ zugeordnet. Im heutigen gesellschaftlichen Paradigma wird verlangt, dass die Patienten ihr „Lifestyleproblem“ eigenständig und, gerechterweise, unter Einsatz persönlicher Ressourcen „alleine“ lösen.
  • Die Stigmatisierung, der Menschen und Patienten mit Adipositas ausgesetzt sind, umfassen unberechtigterweise Begriffe wie „Willensschwäche“, „Selbstverschulden“ und „Disziplinlosigkeit“.
  • Angesichts des herrschenden Paradigmas und der von den Betroffenen lebenslang erfahrenen (Vor-)Urteile hat sich bei Patienten mit Adipositas die Selbststigmatisierung tief verankert. Der persönliche Wert als Mensch und als Mensch in der Gesellschaft wird nicht mehr wahrgenommen. Schuld und Scham lasten schwer auf den meisten Betroffenen. Sie isolieren sich, suchen selten Hilfe, sind in ihrer Scham gefangen und geben sich nicht selten auf.

Generelles Vorgehen der „Deutschen Adipositas Allianz“

Engagierte Organisationen aus vielen Bereichen der Gesellschaft haben sich in der DAA zusammengetan, auch um das herrschende Bild vom „Dicksein“ und von „Dicken“ in Deutschland zu verändern – also einem Narrativ, das z. B. Kranke kränker macht und körperliches wie seelisches Leiden in einem riesigen Ausmaß verlängert oder auslöst und die Wirtschaft schwer (sic!) belastet.

Gleichzeitig sollen Versorgung und Forschung systematisch verbessert werden sowie politische Aktivitäten gebündelt und strategisch gemeinsam vertreten werden.

Die Beteiligten kommen u. a. aus Medizin, Politik, Medien, Krankenkassen- und Rentenversicherung und vielen anderen Organisationen im Gesundheitswesen. Als Deutsche Adipositas Allianz (DAA) haben sie sich zusammengeschlossen und eine übergreifende Initiative gestartet. Mit Verbänden, Parteien und Unternehmen wurde Kontakt aufgenommen mit dem Ziel, ein Netzwerk zu schaffen, um die Vision der DAA gemeinsam zu verwirklichen. In der Zukunft soll beispielsweise mit Medien, Kulturschaffenden, Sportverbänden und anderen gesellschaftlichen Gruppen kooperiert werden. Visionäres Ziel ist auch, statt vieler Einzelaktivitäten und Initiativen ein koordiniertes Vorgehen „aus einem Guss“ zu ermöglichen im Sinne einer nationalen Strategie.

Der Antrieb, die Vision und ihre Umsetzung gemeinsam anzugehen, sind sowohl subjektive persönliche Begegnungen mit Betroffenen und ihrem oft aufrüttelnden Schicksal, aber auch eine gesamtgesellschaftliche Betrachtungsweise, die umfassende und weit verbreitete Pro­bleme aufdeckt.

Quellen:

  1. Schienkiewitz A et al. (2017): Übergewicht und Adipositas bei Erwachsenen in Deutschland. Journal of Health Monitoring 2(2). DOI 10.17886/RKI-GBE-2017-025.
  2. Alle mit den Kassen abgerechneten Leistungen der Adipositas und Komorbiditäten (inkl. Krankengeld, Rehabilitation,Pflegekosten und Unfallkosten). Effertz T, Engel S, Verheyen F & Linder R (2015a): The costs and consequences of obesity in Germany: a new approach from a prevalence and life-cycle perspective. The European Journal of Health Economics 23.12.2015, 1–18. DOI: 10.1007/s10198-015-0751-4.
  3. Prospective Studies Collaboration, Whitlock G, Lewington S, Sherliker P, Clarke R, Emberson J, Halsey J, Qizilbash N, Collins R & Peto R (2009): Body-mass index and cause-specific mortality in 900,000 adults: collaborative analyses of 57 prospective studies. Lancet 373(9669), 1083–1096. DOI: 10.1016/S0140-6736(09)60318-4. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/19299006.
  4. Caterson ID et al. (2019): Gaps to bridge: misalignment between perception, reality and actions in obesity. Diabetes, Obesity and Metabolism; 21(8): 1914–1924.
  5. Klein S, Krupka S, Behrendt S, Pulst A, Bleß H.-H., (2016): Weißbuch Adipositas, S. 156.

Pressekontakt:

Deutsche Adipositas Allianz -Sekretariat

Dr. Silke Hylla Telefon: +49 (0)172 1485945 silke.hylla@bcw-global.com

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