Koalitionsvertrag: Ampel-Koalition darf Menschen mit starkem Übergewicht nicht vergessen

26.11.2021, Berlin/Hamburg/Leipzig. Die Deutsche Adipositas-Gesellschaft (DAG) hat den Koalitionsvertrag der Ampel-Koalition als unzureichend kritisiert. Obwohl etwa 17 Millionen Menschen in Deutschland stark übergewichtig und die Versorgungsstrukturen desolat seien, finde das Thema Übergewicht keine Erwähnung im Koalitionsvertrag. Vorhaben zur Gesundheitsförderung seien ohne ein konkretes Maßnahmenpaket zur Prävention und Therapie von starkem Übergewicht zum Scheitern verurteilt, so die DAG. Schließlich sei Adipositas eine der häufigsten chronischen Erkrankungen und ein maßgeblicher Risikofaktor für zahlreiche Folgekrankheiten.

„Die Ampel-Koalition darf die etwa 17 Millionen Menschen mit starkem Übergewicht nicht vergessen“, fordert Professor Jens Aberle, DAG-Präsident und ärztlicher Leiter des Ambulanzzentrums des Fachbereichs Endokrinologie, Diabetologie, Adipositas und Lipide am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. „Jahr für Jahr sind mehr Erwachsene wie Kinder von Adipositas betroffen, und trotzdem geht die Anzahl der spezialisierten Behandlungszentren immer weiter zurück. Dieser Trend muss umgekehrt werden, um lebensbedrohliche Folgeerkrankungen wie Diabetes und Herzkrankheiten rechtzeitig zu verhindern.“ so Aberle.

Auf insgesamt acht Seiten haben SPD, Grüne und FDP im Mittwoch vorgelegten Koalitionsvertrag ihre Vorhaben in der Gesundheitspolitik beschrieben. Demnach wolle die Ampel das „Präventionsgesetz weiterentwickeln“ und die „Primär- und Sekundärprävention stärken“. Die Koalition plant „konkrete Maßnahmenpakete z.B. zu den Themen Alterszahngesundheit, Diabetes, Einsamkeit, Suizid, Wiederbelebung und Vorbeugung von klima- und umweltbedingten Gesundheitsschäden.“ Ein Maßnahmenpaket zu Übergewicht oder Adipositas ist nicht angekündigt.

Laut Daten des Robert Koch-Instituts waren bereits vor Beginn der Corona-Pandemie etwa ein Viertel der Erwachsenen und 6 Prozent der Kinder und Jugendlichen von starkem Übergewicht betroffen. Dies entspricht einer Anzahl von etwa 16 Millionen Erwachsenen und etwa 800.000 Kindern und Jugendlichen mit Adipositas. Seit Beginn der Corona-Pandemie konnte eine weitere Gewichtszunahme beobachtet werden.

„Durch Corona ist entschlossenes Handeln wichtiger denn je – etwa jeder Dritte hat seit Beginn der Pandemie weiter zugenommen, im Schnitt mehr als fünf Kilo! Wir würden uns wünschen, dass die Ampel-Koalition Prävention und Therapie von Übergewicht entscheidend stärkt und bieten dazu gerne unsere fachliche Unterstützung an“, ergänzt Professor Matthias Blüher, Mediensprecher der DAG und Direktor des Helmholtz-Instituts für Metabolismus-, Adipositas- und Gefäßforschung in Leipzig.

Die Finanzierung der Adipositas-Therapie in Deutschland ist bisher keine Regelleistung der Krankenkassen, sondern muss in der Regel individuell beantragt werden. Dies führe laut der DAG dazu, dass starkes Übergewicht vielfach nicht leitliniengerecht behandelt werde und die Anzahl der spezialisierten Adipositas-Behandlungszentren seit Jahren rückläufig sei. Mit Verabschiedung des Gesundheitsversorgungsweiterentwicklungsgesetz wurde der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) beauftragt, ein strukturiertes Versorgungsprogramm für Adipositas zu entwickeln („DMP Adipositas“). Dies sei laut der DAG ein wichtiger Schritt, könne aber für sich genommen die Probleme der unzureichenden Versorgung nicht lösen.

Zum Ernährungskapitel des Koalitionsvertrags zog die DAG ein gemischtes Fazit. Positiv sei, dass die Ampel sich auf Beschränkungen der an Kinder gerichteten Werbung für Lebensmittel mit einem hohen Zucker-, Fett- und Salzgehalt geeinigt habe. „Die freiwilligen Selbstverpflichtungen der Lebensmittelindustrie sind nachweislich gescheitert – gut, dass die Ampel-Koalition das anerkennt und verbindliche Regeln schaffen möchte.“, erklärt Oliver Huizinga, politischer Geschäftsführer der DAG. Die künftige Regierung müsse jedoch sicherstellen, dass die Werbebeschränkungen umfassend sind und keine Schlupflöcher lassen. „Werbeverbote sind nur dann wirksam, wenn sie gut gemacht und umfassend sind.“, so Huizinga. Zudem seien weitere Maßnahmen des Bundes zur Förderung gesunder Ernährung überfällig, allen voran die Einführung einer Zuckersteuer für Erfrischungsgetränke.

Weiterführende Informationen:

  • Studie des EKFZ an der TUM München zur Gewichtszunahme seit der Corona-Pandemie bei Erwachsenen: https://t1p.de/dyn1  
  • Studie der Universität Leipzig zur Gewichtszunahme seit der Corona-Pandemie bei Kindern: https://t1p.de/ys1o 
  • DAK-Report zur unzureichenden Versorgungssituation in Deutschland (2016): https://t1p.de/fsj2 
  • DAG zum geplanten „DMP Adipositas“ (2020): https://t1p.de/64×2

Pressekontakt:

Oliver Huizinga, Politischer Geschäftsführer
Email: pressestelle@adipositas-gesellschaft.de
Mobil: 01515 – 127 19 21

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