Deutsche Adipositas-Gesellschaft fordert evidenzbasierte Versorgungspfade und spezifische Adipositas-Therapie
Berlin, 08. August 2026. Die Deutsche Adipositas-Gesellschaft (DAG) e.V. begrüßt ausdrücklich den Vorstoß der neuen unparteiischen Vorsitzenden des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA), Dr. Sonja Optendrenk, für eine strukturierte Erstattung von GLP-1-Rezeptor-Agonisten für eine spezifische Patientengruppe mit Adipositas. Zugleich warnt die DAG vor einer verkürzten Diskussion und fordert eine sachliche und medizinisch fundierte Debatte über den Zugang zu modernen Adipositas-Medikamenten.
Die jüngsten kritischen Äußerungen einiger Krankenkassen zum Vorschlag der G-BA Vorsitzenden greifen nach Ansicht der DAG hingegen zu kurz. Die DAG stellt klar, dass es in der aktuellen Debatte keineswegs um eine unkontrollierte Erstattung für die in Diskussionen immer wieder genannten rund 17 Millionen Betroffenen in Deutschland geht. Ziel muss eine medizinisch indizierte, leitliniengerechte Behandlung sein, die Fachärzt:innen auf Basis klarer klinischer Kriterien verordnen. GLP-1-Rezeptor-Agonisten sind hocheffektive Arzneimittel für Patient:innen mit einer chronischen Erkrankung, die unbehandelt mit einem hohen Risiko für Folgeerkrankungen und großem persönlichem Leid einhergeht.
Der Präsident der Deutschen Adipositas-Gesellschaft, Prof. Dr. Matthias Laudes (Kiel), stellt klar: „Niemand fordert eine flächendeckende Verordnung von GLP-1-Rezeptor-Agonisten nach dem Gießkannenprinzip. Wir unterstützen den Vorschlag, klare, evidenzbasierte Versorgungspfade zu definieren, in denen multimodale Therapiekonzepte und medikamentöse Therapien Hand in Hand gehen und in ein Gesamtkonzept eingebettet sind.“
Klar ist, dass Millionen Menschen mit Adipositas einer gezielten Therapie bedürfen. Sie leiden unter einer chronischen Erkrankung, die unbehandelt zu Typ 2 Diabetes mellitus, Herzinfarkten, Schlaganfällen, Nieren- und Lebererkrankungen, chronischen Gelenkschäden und weiteren Folgeerkrankungen führen kann und nicht nur die Lebenserwartung, sondern auch die Lebensqualität drastisch reduziert. Diese Patient:innen bedürfen einer komplexen strukturierten und umfassenden Therapie, die Lebensstilmaßnahmen, eine medikamentöse Therapie und operative Maßnahmen umfasst. Primärpräventive Maßnahmen hingegen greifen nur bei Menschen, die noch nicht an Adipositas erkrankt sind – also beim gesunden Menschen bevor die Erkrankung entsteht. Auch hier sieht die DAG einen großen Bedarf an Maßnahmen, die möglichst früh im Leben eines Menschen ansetzen sollten.
In diesem Kontext sieht die DAG mit Sorge, dass die flächendeckende Umsetzung des bereits am 1. Juli 2024 in Kraft getretenen Disease-Management-Programms (DMP) Adipositas für Erwachsene (als auch desjenigen für Kinder und Jugendliche) nach wie vor in seiner Umsetzung stagniert. Damit das DMP seine intendierte Wirkung als strukturiertes, langfristiges Behandlungsprogramm zur Vermeidung von Folgeerkrankungen entfalten kann, muss es dringend flächendeckend in die vertragsärztliche Praxis überführt werden.
Um die Finanzierbarkeit des solidarischen Gesundheitssystems langfristig zu sichern, fordert die DAG den Gesetzgeber und den G-BA auf, gemeinsam mit den medizinischen Fachgesellschaften konkrete Kriterien für eine zielgerichtete Erstattung von Adipositastherapien festzulegen. Eine zielgerichtete Patientenpopulation ließe sich beispielsweise über ein Kriterienraster bzw. eine Verordnungseinschränkung von Medikamenten zu Gewichtsreduktion nach Änderung von §34 SGB 5 präzise steuern.
Prof. Laudes appelliert daher: „Eine leitliniengerechte Versorgung erfordert zwingend, dass Patient:innen ein verlässlicher Zugang zu multimodalen, multiprofessionellen und sektorenübergreifenden Therapieangeboten eröffnet wird. Als DAG erneuern wir deshalb unser Angebot an den Gesetzgeber sowie den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA), unverzüglich an der Ausgestaltung konkreter Versorgungspfade mitzuwirken, um Patientenversorgung und eine nachhaltige und verlässliche Systemfinanzierung gleichermaßen zu sichern.“